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Bayerncard

Über einen germanischen Wirecard-Poker
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Bayerncard

Oftmals geht es beim Pokerspiel äusserst spannend zu, dann nämlich, wenn der Einsatz hoch ist und nur noch wenige Spieler am Tisch übrig bleiben um sich den Jackpot zu sichern. Eine besondere Taktik in diesem Spiel ist das sogenannte Pokern, also das täuschende Vorgeben einer hochwertigen Kartensammlung hinter verdeckter Hand bei gleichzeitig hohem Geldeinsatz. Damit sollen Gegner geschickt psychologisch getäuscht werden, um sie vorzeitig zur Spielaufgabe bei gleichzeitigem Verbleib ihres Einsatzes auf dem Spieltisch zu bringen.

Fast könnte man meinen, dass 2019 ein solches Pokerspiel mit den am Spieltisch sitzenden Mitgliedern des deutsches Bundeskanzleramtes, des deutschen Finanzministeriums, dem ehemaligen deutschen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, sowie Vertretern des an der deutschen DAX-Börse gelisteten Online-Zahlungsdienstleister Wirecard stattfand.

Vielversprechendes IT-Unternehmen

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Wirecard wurde 1999 in der Münchner Innenstadt als Anbieter von Online-Zahlungssoftware gegründet. Als Jan Marsalek im Jahr 2000 zum IT-Direktor ernannt wurde, scheiterte eines seiner Projekte mit einem Verlust von über 1 Million Euro. KPMG wird gerufen, um das Chaos zu beseitigen. Markus Braun ist Teil des KPMG-Teams und schließt sich Wirecard an. 2001 zog Wirecard in den Münchner Vorort Aschheim.

Intelligenter Diebstahl

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In 2001 machte ein vermeintlicher Diebstahl von Brauns und Marsaleks Laptops Wirecard zur leichten Beute für den Pornoanbieter EBS Holdings, der Wirecard aufkaufte, nachdem Insolvenzantrag gestellt wurde. Im Januar 2005 wird Wirecard durch eine sog. 'Reverse-IPO' mit der InfoGenie Europe AG in Berlin zu einer Aktiengesellschaft. Braun tritt 2005 dem Vorstand bei, Marsalek ab 2010. Wirecard Asia Pacific wird 2007 gegründet.

Der memyselfandi007 Blogger

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Bereits 2008 veröffentlichte ein anonymer Blogger einen Text über Wirecards finanzielle Ungereimtheiten in einem Online-Forum, der millionenfach gelesen wurde. Der deutsche Investorenverband (SdK) berichtet darüber. Wirecard stellt Strafanzeige, nachdem Großinvestoren ebenso darüber berichteten und der Aktienkurs deshalb fiel. Die Münchner Staatsanwaltschaft klagte SdK-Mitglieder an, nicht Wirecard.

Die Financial Times-Berichte

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Zusätzliche Berichte wie die von der Financial Times (FT) veranlassten Wirecard, weitere Strafanzeigen wegen Marktmanipulation einzureichen. Am 8. Februar 2019 durchsuchte die Polizei von Singapur die Büros von Wirecard Asia Pacific. Die Münchner Staatsanwaltschaft untersuchte FT-Reporter bis September 2020. Als FT zu ihren Vorwürfen stand, beauftragte Wirecard KPMG mit der Finanzprüfung für 2019. KPMG konnte keine klaren Aussagen über Wirecards-Geschäfte machen.

Fehlende Milliarden

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Am 18. Juni 2020 gab Wirecard zu, dass es „unzureichende Beweise über Bankguthaben auf Treuhandkonten auf den Philippinen“ gibt, die sich auf satte 1,9 Milliarden Euro beliefen und schlichtweg fehlten. Braun wurde in Gewahrsam genommen, Marsalek ist seitdem verschwunden. Im Oktober 2020 beschloss der Deutsche Bundestag, die Angelegenheit zu untersuchen. Hochrangige deutsche Politiker wurden frühzeitig über Wirecards Probleme informiert.

Der China-Deal

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Der in Bayern geborene, ehemalige deutsche Verteidigungsminister zu Guttenberg setzte sich ab 2018 für Wirecards chinesische Expansion ein, das Bundesfinanzministerium wurde Anfang 2019 über BaFins Ermittlungen bei Wirecard informiert. Bundeskanzlerin Merkel warb für Wirecard während ihrer China-Reise im September 2019, Wirecard machte danach ein Kaufangebot für Chinas AllScore. Es gab kriminelle Verstöße bei AllScores Direktoren.


Das Unternehmen Wirecard wurde 1999 im städtischen Innenbezirk Lehel der heimlichen deutschen Hauptstadt München gegründet und betrieb ursprünglich und fortan Software, die als Vermittler zwischen Kreditkartenunternehmen, Online-Händlern und Internet Kunden fungiert. Im Jahr 2000 erhält die noch junge Wirecard-Firma einen zweistelligen Millionenbetrag als Startup-Kapital unter dem damaligen Gründer Detlev Hoppenrath, der auch den von Wirecard mit zarten 20 Jahren angestellten, gebürtigen Österreicher Jan Marsalek in dieser Zeit zum Direktor für Informationstechnologie befördert. Nachdem ein internes, von Marsalek geführtes IT Projekt scheiterte und Kosten von 1 Million Euro verursachte, holte man sich Bereinigungshilfe von der Unternehmensberatungsfirma KPMG. Dabei machte ein weiterer Österreicher auf sich aufmerksam, welcher flugs zu Wirecard überwechselte: Markus Braun.

Im Mai 2001 zieht man in die sehr bezeichnende Münchner Außenregion mit Namen Aschheim um. Marsalek wird nicht etwa gefeuert, sondern weiter bei der Stange behalten und formte fortan mit Braun zusammen hochfliegende Projekte. So zum Beispiel im November 2001, als bei einem angeblichen Einbruch die Laptops von Braun und Marsalek gestohlen wurden und, laut Wirecard Angaben, gleichsam mehr oder weniger deren gesamte Technologie. So konnte Wirecard zumindest nach außen hin leichte Beute für den Porno-Webseitenbetreiber EPM AG werden, welches sich fortan als EBS Holdings ausgab und das Aschheimer Unternehmen kurz nach Anmeldung der Insolvenz übernahm. Wirecard Gründer Hoppenrath stellte zur gleichen Zeit wie die EBS AG Übernahme im Januar 2002 Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft München gegen den neuen Vorstand, da er vermutete, dass Firmeninsider für den Technologie-Diebstahl verantwortlich gewesen sind. Verständlich, wenn man bedenkt, dass Braun bereits im Oktober 2001 von Porno-Betreiber EPM AGs Gründer Schlichtegroll darüber unterrichtet wurde, dass man Interesse an Wirecard habe. Wirecards Gründer Hoppenrath verlässt offiziell noch Ende 2001 das neu geformte Unternehmen, das nun langsam seine Wachstumsraketen zündet, nachdem auch die Staatsanwaltschaft München die Ermittlungen entweder einstellte oder, wie des öfteren dort, selektiv einfach ablehnte.

Die nächste Münchner Stuntshow mit scheinbar tatkräftiger Hilfe aus Österreich ließ nicht lange auf sich warten. Im Januar 2005 wurde Wirecard durch eine sogenannte Reverse-IPO in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Dabei bediente man sich in virus-ähnlicher Weise einem Wirt, in diesem Fall dem genialen CallCenter-Betreiber InfoGenie Europe AG mit Sitz in Berlin. Dort beschloss man einen Monat zuvor, sich von Wirecard komplett vereinnahmen zu lassen und gegen eine Sacheinlage als Kapitalerhöhung (!) der drohenden Verbannung vom TecDax wegen mangelnder Erfolge zuvorzukommen. Die InfoGenie Europe AG wurde 2005 so in Wire Card AG umbenannt, man war nun sogar am TecDax gelistet. Porno-Betreiber Schlichtegroll geht in den Aufsichtsrat, Markus Braun wird von erster Stunde an Vorstandsmitglied, ab 2010 wird dies auch sein österreichischer Kollege Jens Marsalek. Genial !

Schon zwei Jahre nach Aufsaugen des Wirts und der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft gründet man 2007 die folgenreiche Wirecard Asia Pacific in Singapur, der Ursprung des ruhmreichen Ende des Unternehmens etwa ein Jahrzehnt später. Bereits im Mai 2008 postete ein anonymer User mit Namen 'memyselfandi007' auf dem Internet-Forum Wallstreet Online über Wirecards viele finanzielle Ungereimtheiten im Zusammenhang mit deren Übernahme der Trustpay AG, einem Unternehmen ebenso mit Sitz in einer Außenregion Münchens:

Vom Kaufpreis [48 Millionen Euro] wurde erst die Hälfte bezahlt (finanziert durch eine Kapitalerhöhung !!!), der Rest folgt 2008. Wer immer der Verkäufer dieser Portfolio ist, scheint einen ganz guten Reibach zu machen, bekommt er doch ungefähr midestens das dreifache des Buchwerts vor Nachzahlungen. Die übernommene Trustpay AG kann man googeln wie man will, man findet ausser der Wirecard News keine Infos. Nichts, gar nichts. Und dafür 40 millionen Firmenwert ? Das sieht fast wie eine systematische Ausplünderung der Erlöse aus den Kapitalerhöhungen aus, v.a. wenn man bedenkt, dass das erworbene Unternehmen seinen Sitz ebenso wie Wirecard in Grassbrunn hat.
(Anonymer Blogger 'memyselfandi007' auf Wallstreet-Online vom 1. Mai 2008)

Aufgrund dieser Darlegungen von 'memyselfandi007', die millionenfach aufgerufen wurden, wird die deutsche Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) aktiv und bezichtigt Wirecard der Bilanzfälschungen, was das Unternehmen dazu bringt, die Wirtschaftsprüfergesellschaft Ernst & Young mit einem Sondergutachten für das Jahr 2007 zu beauftragen. Mittlerweile machte auch eine wichtige Investorengruppe die Bilanzprobleme öffentlich, was Wirecards Aktienkurse in den Keller fallen ließ und das Unternehmen zu einer erneuten Strafanzeige bei der Staatanwaltschaft München veranlasste. Dort aber sah man sich nicht die vielen offensichtlichen Bilanzfälschungen sonderlich an, sondern nahm schleunigst zwei SdK Mitarbeiter in Untersuchungshaft und verurteilte sie später wegen anderer Delikte. Auch gegen den Forumsverfasser selbst wurde bayerisch-polizeilich eine zeitlang ermittelt.

Drei Jahre später musste die Staatsanwaltschaft München erneut aktiv werden in 2010, diesmal weil angebliche Falschmeldungen einer Organisation für Finanzkorruption in den USA mit Namen Goldman, Morgenstern & Partners (GoMoPa) Wirecard unberechtigter Weise schädigen würden. Wirecard selbst war hier offenbar nicht Anzeigeerstatter, sondern nun die Bundesanstalt für Finanzaufsicht (BaFin) mit Sitz in Frankfurt und Bonn, die Jahre später erneut ins Zielfeuer gelangen wird. Auslöser im Jahre 2010 war zunächst die Anklage und spätere Verurteilung des deutschen Michael Schütt durch Strafverfolgungsbehörden in Florida, USA. Schütt wurde verurteilt wegen illegalen Finanztransfers in Höhe von ca. 70 Millionen USD, die Mehrzahl durch Online-Pokergeschäfte generiert und als reguläre Schecks über Schütt an tausende nordamerikanische Gewinner aus den Pokerspielen per Brief verschickt.

GoMoPa gab zunächst an, dass Schütt auch Wirecard als Geldversender auf europäischer Seite angab, unter etwas dubiosen Umständen änderte man Schütts Aussagen wenig später zunächst, um sie dann komplett zurückzuziehen. Wirecards Aktienkurs fiel derzeit um satte 30%, was der Staatsanwaltschaft München und auch der BaFin offenbar viel wichtiger war, als die Verbindung von Wirecard mit England, wo man nachweislich über eine Firma mit Namen Brinken Merchant Inc. indirekt in Kontakt mit Michael Schütt stand, wie nun offiziell bekannt ist. Zwei Jahre lang ermittelte damals die Staatsanwaltschaft München ergebnislos nicht etwa gegen Wirecard UK, sondern gegen GoMoPa, dies bis 2012, was nun die dringende Frage aufwirft, warum genau die Staatsanwaltschaft München keinen weiteren Sachverhalten bezüglich Wirecards offenkundigen Verbindungen zu Schütt in Florida schon damals nachging:

Gewöhnliche Einwohner von Consett [in England] wurden über Brinken Merchant Incorporations (BMI), ein von Simon Dowson geführtes, lokal ansässiges Unternehmen, als Direktoren von hunderten von Unternehmen bezahlt. Zu den Aktionären von BMI gehörte Patrick Mosbach, ein ehemaliger Wirecard Sales Executive und Brigette Axtner, Executive Vice President für Digital Sales bei Wirecard .... Der US Secret Service stellte 2009 fest, dass Bluetool Limited, ein von BMI betreutes Unternehmen bei dem ein Lehrer als Direktor fungierte, gegen Geldwäscheregeln verstieß. Der deutsche Staatsbürger Michael Schütt wurde in den USA inhaftiert, nachdem er zugegeben hatte, ein nicht lizenziertes Geldtransfergeschäft so betrieben zu haben. Es wurde festgestellt, dass er 70 Millionen US-Dollar von Europa nach Florida geleitet hat, unter anderem über Bluetool und Wirecard.
(Bericht über Wirecard UK von 2020)

Dubios ging es in München auch im Jahre 2015 zu, nachdem man aufgrund von Hinweisen des US Justizministeriums den in den Wirecard-Büroräumen beheimateten Online-Zahlungsabwickler Click2Pay untersuchte. Eine Kriminalhauptkommissarin des Münchner Polizeipräsidiums ermittelte wegen Verdachts der Beihilfe zu unerlaubtem Glücksspiel gegen vier Wirecard-Manager, darunter auch Marsalek. Man stieß auf zahlreiche Aktivitäten, bei denen man die Wirecard-Tochter Click2Pay einsetzte und beantragte beim Amtsgericht München im August 2015 eine Durchsuchung der Bürogebäude in Aschheim. Nur wenige Wochen danach aber entschied ein Staatsanwalt aus München im September 2015 das Verfahren einzustellen, da es "keinerlei begründeten Tatverdacht" gäbe. In den USA war man aber offenbar nicht sonderlich zufrieden damit, denn einige Wochen danach stellte man erneut und diesmal explizitere Anfragen, worauf man im Dezember 2015 dann endlich eine "Razzia" in den Bürogebäuden von Wirecard durchführte, zumindest laut offizieller Verlautbarung und "streng vertraulich".

Die nächste, ausgesprochen bayerische Ermittlung der Staatsanwaltschaft München bezüglich Wirecard erging im Jahre 2018, nachdem ein weiterer Bericht über Wirecards Praktiken mit Bezug zur Übernahme der indischen 'GI Retail', sowie vielen anderen korrupten Sachverhalten und/oder beteiligten Personen deren Kurs in den Keller brachte. Im Dezember 2018 erstattete die Staatsanwaltschaft München nach zuvorigen "Ermittlungen" Anzeige wegen Marktmanipulationen erneut nicht etwa gegen Wirecard, sondern gegen den Herausgeber Matthew Earl des Zatarra-Berichtes und mit ihm auch gleich noch gegen 37 weitere "Mitschuldige", die mit Wirecard-Papieren "ins Visier" der Ermittlungen gelangt waren. Der von der Staatsanwaltschaft München angeklagte, britische Börsenbrief-Herausgeber Fraser Perring zahlte mehr oder weniger freiwillig einen fünfstelligen Betrag, um höhere Verurteilungen zu verhindern. Matthew Earl wurde persönlich verfolgt.

Ebenso in 2018 nahm Wirecard den Platz der skandalösen Commerzbank in Deutschlands Premier-Aktienmarkt DAX ein. Erst als man fernab von München und Deutschland Wirecards Bilanzfälschungen nachgeht, offenbaren sich die korrupten Zusammenhänge, die mittlerweile bis ins Berliner Bundeskanzleramt reichen. Mit einer Serie von Berichten über Wirecard türmt der Financial Times Journalist Dan McCrum die Machenschaften bei Wirecard so sehr auf, dass er nicht nur verfolgt wird, sondern die Polizei in Singapur am 8. Februar 2019 die Filiale von Wirecard dort durchsucht, worauf man in üblicher Weise bei Wirecard in Aschheim mit einer Strafanzeige nun gegen die Financial Times vorgehen will. Die Staatsanwaltschaft München leitet so tatsächlich erneut, auch nach Aufforderung durch die BaFin, Ermittlungen gegen Financial Times Journalisten wegen Marktmanipulationen ein. Diese Ermittlungen werden ausgesprochen germanisch-staatsanwaltschaftlich offiziell erst im September 2020 beendet.



Nachdem die Financial Times auch noch im Oktober 2019 zu ihren Vorwürfen steht, veranlasst Wirecard eine Prüfung durch KPMG, die einige Zeit danach der verblüfften Finanzwelt bekanntgeben, dass man peinlicher Weise keine klaren Aussagen über Wirecards Drittpartnergeschäfte machen könne. Wirecard verschob die Veröffentlichung ihres Geschäftsberichts von 2019 und fühlte sich sogar bestätigt durch die teils skandalösen KPMG Prüfergebnisse. Erst am 18. Juni 2020 gab man auf Wirecard-Seite endlich zu, dass keine ausreichenden Nachweise für die Existenz von Bankguthaben auf Treuhandkonten in den Philippinen in Höhe von sage und schreibe 1,9 Milliarden (nicht Millionen!) Euro vorliegen würden.

Braun wurde in Untersuchungshaft gesteckt, Marsalek ist seither verschwunden. Laut einem verschwörungshaft anmutenden Bericht der Münchner Süddeutschen Zeitung von September 2020 sei Marsalek ein Verbindungsmann des österreichischen Verfassungsschutzes gewesen und am Abend des 19. Juni 2020 mit einem Privat-Flugzeug nach Minsk geflüchtet. Dort sei er auch zuletzt gesehen worden. Die Dinge werden etwas ersichtlicher, wenn man bedenkt,

Die Prinzregentenstraße 61 in München.

dass Marsalek tatsächlich enge Beziehungen zum österreichischen BVT hatte und auch sprichwörtlich enge Verbindungen nach Russland unterhielt.

Sowohl Braun als auch Marsalek waren sogenannte "Senatoren" der Österreichisch-Russischen Freundschaftsgesellschaft (ÖRFG) in Wien, Wirecard überwies jährlich um die 10.000 Euro dorthin. Im Jahr 2017 fragte zudem eine nicht näher bezeichnete "deutsche Expertengruppe" beim österreichischen Verteidigungsministerium an, ob man nicht eine Söldnergruppe im Süden Libyens aufbauen wolle, um den Migrationsströmen in Richtung Norden entgegenzuwirken. Der für das Projekt zuständige Beamte beim österreichischen Verteidigungsministerium zu dieser Zeit saß so nebenbei auch gleich noch im Präsidium der freundschaftlich-russisch verbundenen Österreicher (ÖRFG), man wollte offenbar ernsthaft Marsalek als Manager für das Projekt einsetzen, dass nicht zustande kam. Dazu residierte Marsalek in einem luxuriösen Haus sprichwörtlich auf der anderen Straßenseite des russischen Konsulats in der Prinzregentenstrasse 61 in München. Das Anwesen wurde nicht von Marsalek selbst gemietet, sondern von einer IT-Investmentfirma mit Namen 'IMS Capital', dessen Direktor der gebürtige Münchner, Marsalek Freund und Online-Tourismus-Portale-Investor Aleksandar Vucak ist/war.

Vucak wurde bereits indirekt in einem Bericht der Prüferkanzlei Rajah & Tann von Mai 2018 erwähnt, welcher von Wirecard wegen zuvor belastenden Aussagen eines Hinweisgebers aus Singapur in Auftrag gegeben wurde. Der mit offenbar großen Geldmengen ausgestattete 'Emerging Markets Investment Fund 1A' (EMIF IA) mit Sitz in Mauritius kaufte sich im September 2015 mit 37 Millionen US-Dollar in ein indisch-asiatisches, ehemaliges Lotterie-Unternehmen mit Namen 'Hermes Tickets' ein, dessen Gründer Santiago Martin und Usman Fayaz nicht nur wegen illegaler Geschäfte verurteilt wurden, sondern auch gleich noch Verbindungen nach Liberien aufwiesen. Wenige Wochen später, Ende Oktober 2015, gibt man bei Wirecard offiziell bekannt, dass man explizit deren Muttergesellschaft und auch im Zatarra-Report ausführlich erwähnte 'GI Retail' für 230 Millionen Euro in Cash erwerben wird, plus 110 Millionen später. Ein paar Monate danach erhält Wirecard formal dann Hermes Tickets, den wichtigsten Anteil von GI Retail, nachdem man es für 340 Millionen US-Dollar vom EMIF IA abkauft. Finanzexperten auch bei der Financial Times beschuldigten Wirecard des sog. "Round-Tripping", geprellte Hermes-Aktieninhaber stellten Strafanzeige, da sie nur basierend auf dem 37 Millionen Erwerb von EMIF ausgezahlt wurden. Etwa zeitgleich im November 2015 gab man bei EMIF IA bekannt, einen Reiseanbieter aus Indien mit Namen 'Orbit' für 180 Millionen US-Dollar erworben zu haben, Mitte 2017 dann auch 'Goomo.com' (Hindi für Reisen) für 50 Millionen US-Dollar. Direktor bei Goomo war zu diesem Zeitpunkt in 2017 Aleksandar Vucak.



Aleksandar Vucak ist jetzt verantwortlich für ein Unternehmen namens 'Bionovate Technologies' mit Geschäftsadresse in Cham, Schweiz, wo er 2020 zum Direktor, CEO, CFO, Secretary und Treasurer ernannt wurde. Er folgt dort einer Reihe zuvor ersetzten Anwälten in derselben Position bei Bionovate, einschließlich Unternehmensanwalt und ehemaliger Staatsanwalt von San Diego, Kalifornien, Marc Applbaum. Bionovate selbst gibt an, ein Büro in China zu haben, Aktionäre auf den Jungferninseln, einen ehemaligen Firmenleiter aus Mexiko, einen ehemaligen CEO aus China, sowie eine seltsame frühere Geschäftsadresse in Israel. Das bisher finanziell schwache Unternehmen hat in 2021 ein COVID-Testkit für Smartphones entwickelt, was die Frage aufwirft, warum so einige elitäre staatliche Informationsagenturen in der Wirecard-Sache anscheinend involviert gewesen sind:



Marsalek beauftragte ab 2016 auch eine Wiener Unternehmensberater-Firma mit Namen Gradus Proximus Advisory GmbH, um wöchentliche Berichte zu Analysen von Soziale-Medien-Kanälen für Wirecard zu erstellen. Thomas Zach, Gründer von Gradus Proximus und Mitarbeiter des ehemaligen österreichischen Innenminister Strasser, vermittelte offenbar auch einen Kontakt zum israelischen IT-Sicherheitsexperten Avi Rosen. Der Experte für Verschlüsselungstechnik hat enge Kontakte zu israelischen Geheimdiensten, Rosen und Marsalek trafen sich fünf Tage nach der Münchner Sicherheitskonferenz am 24. Februar 2017 in der bayerischen Landeshauptstadt. Laut Emails gab es mindestens die Absicht, ein Gemeinschaftsunternehmen zu gründen:

Ende 2016 trafen Marsalek und Rosen ein erstes Mal in München aufeinander, im Februar 2017 ein weiteres Mal. Beide Male war Thomas Zach involviert, wie profil vorliegende E-Mails dokumentieren. Für das zweite Treffen am 24. Februar 2017 hatte Zach auch eine Agenda erstellt und diese sowohl an Rosen als auch an Marsalek verschickt. „Shall we start at 9am and see how far we come until lunchtime ?“, fragte er die beiden in einem E-Mail am 13. Februar 2017. Soweit sich das rekonstruieren lässt, erwogen Marsalek und Rosen damals die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens, im Fachjargon „Joint venture“ genannt.

Artikel auf profil.at vom 6. Februar 2021

Interessant ist auch, dass auf Wirecards Aktionärs-Hauptversammlung am 18. Juni 2019, genau ein Jahr vor der Bilanzkatastrophe, der ehemalige Finanzvorstand der Deutschen Börse AG Thomas Eichelmann in Wirecards Aufsichtsrat gewählt wurde. Eichelmann war bis September 2014 Aufsichtsratsvorsitzender beim Bauunternehmen Hochtief AG, wo auch der russische Oligarch Oleg Deripaska Jahre zuvor groß einstieg, um Bauvorhaben in der russischen Winter-Olympiadenstadt Sotchi in 2014 abzustimmen. Stellvertretender Vorsitzender bei Wirecard wurde 2019 übrigens ein weiterer Österreicher: Stefan Klestil, den Eichelmann sicherlich von der EU-finanzierten und -geförderten IT-Investmentfirma Speedinvest her gut kannte, dort ist/war Stefan Klestil Partner, und Eichelmann Kommanditist. Stefan Klestil, Sohn des ehemaligen und in 2004 verstorbenen österreichischen Bundespräsidenten Thomas, dessen Beerdigung der russische Präsident Vladimir Putin persönlich besuchte, hat eine Stiefmutter, die nach dem Tode ihres angeheirateten Ehemannes von 2009 an österreichische Botschafterin in Moskau war, dies ganz zufällig ebenso bis 2014.



Besonderes Augenmerk sei auch auf Christopher Bauer gelegt, der von Manila aus als Wirecard Partner agierte und für ca. ein fünftel aller Verkaufserlöse verantwortlich war. Bauers Familie in Deutschland gab im August 2020 bekannt, dass er angeblich in den Philippinen an einem Herzversagen gestorben sei, ein offizielles Sterbedokument gäbe es noch nicht laut Behörden dort.

Im Oktober 2020 beschliesst man im Deutschen Bundestag, die Wirecard Angelegenheit genauer untersuchen zu wollen. Und dabei manifestieren sich eine ganze Reihe von weiteren Sachverhalten, die bis heute erstaunlicher Weise verdrängt, oder gar vollends ignoriert werden - fast wie bei der Staatsanwaltschaft München. Mit welchen Methoden man auf höchsten politischen Ebenen mit Hilfe bayerischer Brachialgewalt unter allen Umständen an einem Wachstum von Wirecard interessiert war, zeigt auch, wie sehr Deutschland das Aufkommen der IT-Industrie in den Jahrzehnten zuvor mit Ausnahme von SAP verschlafen hatte.

Bereits am 19. Februar 2019 wurde das Finanzministerium in Berlin unter der Leitung von Olaf Scholz (SPD) über die betrügerischen Sachverhalte bei Wirecard informiert. Staatssekretär Kukies berichtete Mitarbeitern von Scholz bereits damals, dass man bei der BaFin Wirecard "in alle Richtungen hin untersuche". Erstaunlich ist, dass selbst im November 2019 noch, als schon alle finanziellen Flaggen bezüglich Wirecard auf tiefrot wehten, sich Kukies mit Wirecards Vorstandchef Markus Braun in Aschheim zum Frühstück traf und man dort offenbar über Startups und Kryptoassets plauderte.

Vielleicht lag dies ja an der China-Reise der deutschen Kanzlerin Merkel zwei Monate zuvor und wo man den wohl letzten und finalen Pokerakt hinlegte. Bei Gesprächen mit chinesischen Wirtschaftsvertretern warb die deutsche Kanzlerin im September 2019 ganz ungeniert dort für Wirecard, welches kurz danach ein Kaufangebot für den chinesischen Online-Zahlungsanbieter AllScore tätigte. Einen Kontakt für Wirecard beim Berliner Kanzleramt hatte der ehemalige Geheimdienstkoordinator des Bundeskanzleramtes, Klaus-Dieter Fritsche ermöglicht, nachdem dieser von CEO Markus Braun erfahren hatte, dass er "regelmäßig beim österreichischen Bundeskanzler aus und ein geht", dies über den vom österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz initiierten Think Tank "Think Austria", in den übrigens auch der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger berufen wurde. Zudem sagte der ehemalige deutsche Geheimdienstmann Bernd Schmidbauer im Bundestags-Untersuchungsausschuss aus, dass Wirecards Technologie es Geheimdiensten ermöglicht hätte, weltweite Geldflüsse nachzuverfolgen, die Technologie so eine ideale Form der Überwachung sei, die bewusst auch für Missbrauch genutzt worden ist laut Schmidbauer - auch für Geldwäsche.

Die Kanzlerin besuchte so ganz nebenbei im September 2019 bei ihrem Besuch in China natürlich auch gleich noch die ruhmreiche Stadt Wuhan, dies ganze drei Monate bevor die ersten COVID-Fälle dort gemeldet wurden. Ob die Kanzlerin auch wusste, dass 120 Bundeswehrsoldaten gemeinsam mit 90 Sanitätssoldaten der chinesischen Armee wenige Monate zuvor im Juli 2019 im bayerischen Feldkirchen, ganz in der Nähe Münchens, die Militärübung 'Combined Aid' durchführten ? Dort trainierte man 14 Tage lang prophylaktisch und gemeinsam in bayerisch-chinesischer Partnerschaft ganz ungeniert, wie man sich auf eine Virus-Pandemie vorbereitet.

Lange vor der kanzlerischen China-Reise klopfte der in den USA lebende, ehemalige deutsche Verteidigungsminister und gebürtige Bayer Karl-Theodor zu Guttenberg an vielen Türen an. Über seine New Yorker Firma Spitzberg Partners wurde zu Guttenberg als Lobbyist für Wirecard herangezogen, um dem chinesischen AllScore Deal den Rücken zu stärken. Bereits im September 2018 kontaktierte zu Guttenbergs hochkarätige Beratungsfirma aus New York den neuen deutschen Botschafter in Peking, um für Wirecard und dessen Expansion in China zu werben. Ein erstes Treffen wurde Wirecard in der deutschen Botschaft in Peking am 29. Oktober 2018 ermöglicht, ein wichtigeres Zusammenkommen dort gab es am 23. Januar 2019. Vor der China Reise der Kanzlerin hatte zu Guttenberg am 3. September 2019 ein Treffen "mit seiner ehemaligen Chefin [Merkel]", wie eine seiner Emails belegt. In einem Gastbeitrag in der FAZ schrieb zu Guttenberg zudem noch Anfang April 2020 einen Artikel als Befürworter von Leerverkaufsverboten, wobei sein Name offenbar auch in der Liste der per Wirecard in Auftrag gegebenen Kampagne für Leerverkaufsverbote durch die PR-Agentur Edelmann erwähnt wird.



Am 18. Februar 2019, also zur Hochzeit von zu Guttenbergs chinesischen Bemühungen für Wirecard und ganz zufällig nur einen Tag nach dem Ende der Münchner Sicherheitskonferenz in 2019 wurde von der Deutschen Bankaufsicht (BaFin) ein Leerverkaufsverbot verkündet, um Spekulationen auf Wirecards fallende Aktienkurse zu verhindern. Zeitgleich wurde von Münchner Staatsanwälten bekannt gegeben, dass man gegen investigative Journalisten bei der Financial Times ermittelt, darunter Dan McCrum. Genau zwei Monate danach, am 19. April 2019, gibt man auf Seiten der BaFin bekannt, dass das 8 Wochen zuvor ausgesprochene Leerverkaufsverbot nun beendet sei. In dieser 2019 Aprilwoche stellt die BaFin zudem Strafanzeige wegen Marktmanipulationen bei der Münchner Staatsanwaltschaft.

Genau am selben 18. Februar 2019, einen Tag nach Ende der Münchner Sicherheitskonferenz im Hotel Bayerischer Hof, wurde zudem ganz zufälliger Weise Wirecard in Aschheim über eine Liste von 343 verdächtigen Geldtransaktionen informiert, die man bei der Commerzbank, einem ausführenden Partner der Wirecard Bank, als potentielle Geldwäsche identifizierte. In der Commerzbank-Email wurde Wirecard aufgefordert, zu diesen verdächtigen Transaktionen Stellung zu nehmen, was man angesichts des am exakt gleichen Tag ausgesprochenen Leerverkaufsverbot der BaFin wohl nicht mehr ganz so wichtig nahm. Commerzbank leitete die Liste am 26. Februar 2019 an die deutsche Anti-Geldwäsche-Einheit mit Namen FIU weiter, die dann laut eher unglaubwürdigen Angaben im Wirecard Untersuchungsausschuss erst im Juli 2020, ein Jahr später, die Staatsanwaltschaft München über diese 343 Transaktionen informierte, vorab aber "sieben ausländische Aufsichtsbehörden mit Spontaninformationen" versorgte.

Das man sich bei der Staatsanwaltschaft in München jahrzehntelang auf alle möglichen Spieler am Pokertisch stürzte, nur nicht auf die tatsächlich korrupten, ist offensichtlich und führt dann auch zu Einladungen einiger bayerischer und besonders Münchner Justizbeamter zur Aussage im Untersuchungsausschuss. Ende Januar 2021 wird der bayerische Innenminister vorstellig im Wirecard-Untersuchungsausschuss, der einer staunenden Hörerschaft gegenüber tatsächlich angibt, dass es "sinnvoll wäre, dass ein Unternehmen wie die Wirecard AG einer umfangreichen Aufsicht unterliegt". Dass man Wirecard bewusst nicht wegen Geldwäschegeschafte untersuchte und auch ausführliche Darlegungen des Münchner Finanzamtes bis Anfang 2020 ignoriert wurden, schien dem bayerischen Innenminister nicht so wichtig gewesen zu sein.

Es wird auch bekannt, dass der ehemalige bayerische Landespolizeipräsident ab 2014 bei Wirecard angestellt war und dort hochrangige Kontakte zu Politikern und Botschaften ermöglichte, auch zu verschiedenen Polizeibehörden. Dies war offenbar nur einer von einer Vielzahl von Beraterverträgen des pensionierten und ehemals höchsten Polizeibeamten Bayerns. Am 29. Januar 2021 spricht eine der vielen zuständigen Münchner Staatsanwälte im Ausschuss vor. Sie gibt unter Anderem an, dass man Marsaleks Anwalt "kontaktiert" habe nachdem Mitte 2020 festgestellt wurde, dass 1,9 Milliarden Euro auf den Bilanzen fehlten und lud ihn sozusagen ein, doch mal bitte bei der Staatsanwältin in München vorbeizukommen. Das erfolgte anscheinend erst eine Woche später, da man von seiten Wirecards mitteilte, dass Herr Marsalek gerade mal wieder auf Geschäftsreise sei. Eine erste, kürzere staatsanwaltschaftliche Inspektion des Hauses an der Prinzregentenstrasse 61 wurde am 5. Juni 2020 durchgeführt, eine echte Durchsuchung aber erst am 1. Juli 2020, fast einen Monat lang ließ man Marsaleks und Vucaks Villa praktisch unangetastet.



Eine etwas dubiose eidesstattliche Erklärung von Seiten Wirecards von Anfang 2019 zeigt, dass ein ehemals wegen Drogendelikten Verurteilter offenbar von Aschheim aus aufgefordert wurde, der Münchener Staatsanwaltschaft darzulegen, dass die Financal Times angeblich dem Bloomberg Nachrichtendienst 6 Millionen Euro angeboten habe. Dies, damit man bei Bloomberg nicht nur mit der FT-McCrum Story "fahren" solle, sondern auch gleich noch, damit Bloomberg dann Wirecard erpressen könne. Diese eidesstattliche Erklärung wurde anfangs noch nicht einmal unterschrieben, gleichzeitig aber von der zuständigen Münchner Staatsanwältin per Vermerk an die deutsche Bankaufsicht weitergeleitet und in einem speziellen Telefonat sogar der BaFin genauer "erklärt".

Sie gab ebenso keinerlei strafrechtliche Bewandnis den umfangreichen Ermittlungen des Münchner Finanzamtes, mit denen es Anfang 2020 ein Treffen gab. In einem Protokoll vom 24. Januar 2020 schrieben die staatlichen Finanzprüfer, dass "das strittige Problem vorgetragen und die Frage gestellt [wurde], ob dem in der Financial Times geschilderten Vorwurf der Bilanzmanipulation nachgegangen werden muss". Die Münchner Staatsanwälte teilten mit, es gäbe "zusammengefasst keinen ausreichenden Anfangsverdacht, der hier die Einleitung eines Strafverfahrens rechtfertigt". All dies, während die Ermittlungen der Münchner Staatsanwaltschaft gegen Financial Times Journalisten im vollen Gange waren. Bezeichnend ist auch, dass bei einer zweiten Vorladung der Münchner Staatsanwältin im Bundestags-Untersuchungsausschuss Mitte Februar 2021 die digitalen Audioaufzeichnungen wegen "technischer Probleme" nicht gesichert werden konnten und somit als offizielles Protokoll im Endbericht wohl fehlen werden.

Im Zentrum des bandenmäßigen Betrugs bei Wirecard erscheinen immer wieder die Finanzprüfer von Ernst & Young (EY), denen vorgeworfen wird, spätestens seit 2015 die Bilanzen zu leicht trotz gravierender Fehler bei den Nachweispflichten von Seiten Wirecards unterzeichnet zu haben. Für die Drittpartnergeschäfte in Asien erhielten die Gesellschaften von der Wirecard AG Sicherheiten, angeblich über Treuhandkonten, die sich immer weiter vergrößerten und letztlich laut Bilanzen auf 1,9 Milliarden Euro belaufen sollten. Erst als im Jahre 2019 die Nachweise über dieses Geld nicht erbracht wurden, verweigerte EY das Testat. Komisch auch, dass es EYs Prüfer selbst waren, die bereits im Jahre 2016 Wirecards ehemaligen Finanzchef Burkhard Ley die Nutzung solcher Treuhandkonten empfahlen. Die Staatsanwaltschaft München beginnt erst im Dezember 2020 ihre Ermittlungen speziell gegen EY, zudem wird ein externer Sonderermittler vom Untersuchungsausschuss eingesetzt.

Interessant auch, dass man bei Wirecard noch im April 2020 bei der bayerischen Beschaffungsstelle für Corona-Schutzausrüstungen, zwischenzeitlich unterstützt durch die freiwillige Feuerwehr in Geretsried bei Wolfratshausen - einem bevorzugten Wohnort von hochrangigen bayerischen Politikern - dem bayerischen Staat ein Angebot offenbar fur Schutzmasken machte:



Die Führungsriege des FC Bayern München war übrigens auch eine zeitlang angetan von Wirecard, man war ja praktisch Nachbarn in München. Ende 2019 beschloss man einen Drei-Jahres-Vertrag zwischen Wirecard und den Basketballern des FC Bayern, die satte 1,5 Millionen Euro erhalten sollten. Wirecard wurde angeboten, rechtzeitig zur Basketball-Finalrunde ein sogenannter Platin-Partner des FCB zu werden, die Zusammenarbeit wurde am 5. Juni 2020 bekannt gegeben, ungefähr zwei Wochen vor der offiziell eingeräumten Bilanzkatastrophe bei Wirecard. Weiter gab der von Wirecard angestellte, ehemalige bayerische Landespolizeipräsident im Bundestags-Untersuchungsausschuss am 28. Januar 2021 an, dass er an einem Treffen mit Karl-Theodor zu Guttenberg am Tegernsee teilnahm, über den der Landespolizeipräsident zuvor angab, diesen "nicht zu kennen". Dort am Tegernsee, einem bevorzugten Wohnort von FC Bayern Führungskadern, einigen Erstliga-Fussballspielern sowie bayerischen Politikern, wurde in offenbar gemütlicher Runde "abstrakt eine Attacke für Wirecard ausgelotet".



Auch beim Bundeskanzleramt ist man bekannt dafür, neue Technologien, soziale Medien und sogar das Internet an sich für die Aufdeckung korrupter Sachverhalte zu leicht generalisiert zu verurteilen und sogar zu kriminalisieren. Hätte man dort wirklich "gegoogelt" und solchen Analysen entsprechend vertraut, wäre auch herausgefunden worden, dass es ebenso große Probleme mit Wirecards Übernahmekandidaten AllScore in China gab. Besonders mit einer von AllScores Muttergesellschaften mit Namen 'Joy Dragon Consultants Limited', welche am 12. Juni 2019 offenbar überhaupt erst gegründet wurde:

AllScore Payments ist zu 98,24% im Besitz von Beijing Apple Information Technology. Diese besteht aus dem Management Team des AllScore Teams und ist zu 62,54% im Besitz des Hong Kong Unternehmens Joy Dragon Consultants Limited und zu 28,1% Shanghai Aiwu Investment Management Co. Ltd., die in keinem direkten Zusammenhang mit dem momentanen AllScore Führungspersonal steht ... Warum ausgerechnet AllScore, ein Partner der Bank of China, gewählt wurde, ist unklar. Diese sind in den vergangenen Jahren bereits mehrmals negativ aufgefallen. Zu den insgesamt 16 Verstößen gehören Geldwäsche, Verstoß gegen Reserveauflagen, unrechtmäßiges Auflösen von Zahlungsservices, Unterstützung illegaler Plattformen, Verstoß gegen die KYC-Auflagen, das Zurückhalten von Informationen und viele weitere Verstöße ... Mehrere kleinere Strafen gegenüber dem Vorstandsvorsitzenden Lin Yao und anderen Direktoren haben sich ebenfalls in den letzten Jahren angesammelt.
(Bericht von Techkou.net vom 4. August 2020)


Das man bei all diesen Zusammenkünften, Terminen und Gesprächen von der ziemlich rauhen Vergangenheit Wirecards und auch AllScores keine Ahnung hatte, scheint unglaubwürdig. Das man ferner nicht darüber informiert gewesen sein wollte, was jahrelang an finanziellen Problemen bei Wirecard am Kochen war, scheint bewusst aus München veranlasst gewesen zu sein.



Oder war alles einfach nur ein gewagtes Pokerspiel ?











 
von Martin D., akkreditierter und unabhängiger, investigativer Journalist aus Europa, der derzeit an einem Buch über die Wandlung der Massenmedien in agendahafte politische Akteure schreibt.
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