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Die brillianten Berater

Über Wirecards Bilanzprüfer und das Schachspiel
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Die brillianten Berater

Einer indischen Legende nach gab es einmal einen König, in dessen Lebenszeit das Schachspiel erfunden wurde. Der König war so begeistert von dem Spiel, dass er den Erfinder zu sich an den Königshof einlud und ihm einen Wunsch erfüllen wollte. Der Erfinder war ein schlauer Mann und überlegte eine Weile, bis er auf das vor dem König liegende Schachbrett zeigte und vorschlug, dass er gerne Reiskörner haben wolle, und zwar auf dem ersten Feld eines, auf dem zweiten die doppelte Menge des vorherigen, auf dem nächsten wieder die doppelte Menge des davor mit Reis angesammelten Feldes, jedes Feld verdoppelnd, bis zum letzten der insgesamt 64 Felder des Schachbretts.

Der König war angetan von der Bescheidenheit des Mannes und genehmigte ihm den Wunsch, ohne genau zu überlegen, dass sich auf dem 64. Feld die geradezu kosmische Summe von 18 Trillionen, 446 Billiarden, 744 Billionen, 73 Milliarden, 709 Millionen 551 Tausend und 615 Reiskörnern befand - dem Äquivalent von ungefähr 376 Millionen und 80 Tausend Zügen mit jeweils 30 Eisenbahnwagons voll von 30 Tonnen Reis jedem. Oder ungefähr die 433-fache Menge des im Jahr 2018 weltweit produziertem Reis. So verlor der König sein Reich an den Mann.

Gute virtuelle Karten

1

Wirecard wird 2005 endgültig als Aktiengesellschaft auf dem deutschen Börsenindex TecDax gelistet und erfindet als einer der ersten virtuelle Kreditkarten, die nur online verwendet werden können. Das Unternehmen gibt in 2005 bekannt, dass man die XCOM Bank AG aus Berlin für 18 Millionen Euro erwerben werde. Wirtschaftsprüfer sind seit Wirecards Firmengründung in 1999 die Mitarbeiter von Console5H GmbH aus München, die sich einige Jahre später in RP Richter GmbH umbenennen werden.

RP Richter und EY

2

Mitte 2008 beschwert sich die SdK Gruppe über Wirecards Bilanzen von 2007, insbesondere bezüglich der Übernahme der Trustpay International AG. Wirecard beauftragt die Prüfer von Ernst & Young mit einer Sonderprüfung für das Jahr 2007. Diese wird Ende 2008 vorgelegt und keinerlei Auswirkungen auf die 2007 Berichte haben. EY wird den Prüfern von RP Richter GmbH zur Seite gestellt. Wirecards Vorstandsvorsitzender verkauft 10% seiner Wirecard Aktien Mitte Dezember 2007 und wird Millionär, tritt von seinem Posten 6 Monate später ab.

Visa und Mastercard

3

Mastercard und Visa legen Wirecard in 2008 und 2009 Strafen über mehrfache Millionen für Geldwäschegeschäfte auf. Gründer Schlichtegroll verlässt im Herbst 2009 den Aufsichtsrat, wird ab Dezember 2009 ersetzt durch Stefan Klestil, dessen Stiefmutter zur gleichen Zeit als österreichische Botschafterin nach Moskau berufen wird, wo sie bis 2014 bleibt, dem Jahr der olympischen Winterspiele in Sotchi. In 2010 werden die Anschuldigen von GoMoPa bezüglich Geldwäscheaktivitäten in Florida und bei Wirecard UK im Münchner Aufsichtsrat 'behandelt mit den entsprechenden Gegenmaßnahmen'.

München und Singapur

4

Wirecards Finanzbericht von 2007 wurde niemals korrigiert, im Gegenteil, SdK Mitarbeiter und Leerverkäufer werden angeklagt und einige verurteilt zu Haftstrafen in München Stadelheim. Ab 2014 häufen sich weitere Klagen gegen Wirecard an, die zumeist zum Vorteil für das Unternehmen enden. Marsalek wird ab 1. Februar 2010 COO. In 2016 zeichneten EYs Prüfer gefälschte Belege über Guthaben auf Konten einer Bank in Singapur ab und empfiehlen Wirecards Management die Nutzung von Treuhandkonten in Asien.

Stuttgart und EY

5

CFO Ley tritt Mitte 2017 überraschend ab, 2018 berichtet der Zatarra-Bericht über Wirecards vielschichtige Korruption in Asien. Für 2019 akzeptierten EYs Prüfer zunächst gefälschte Belege über 1,1 Milliarden Euro auf Treuhandkonten. Nach Insolvenzantrag sammelt ein Anwalt aus Stuttgart Klagen gegen Wirecard und speziell gegen EY, er stirbt im Frühjahr 2021 bei einer Fahrradtour. Der Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses in Berlin wurde durch EY erfolglos vor einer Veröffentlichung versucht zu verhindern, der Bericht eines Sonderberaters bleibt wegen EYs Wirken bisher unter Verschluss.


In gar nicht so unähnlicher Weise schien sich der eine oder andere Finanzprüfer der Top-Beratungsfirma Ernst & Young (EY) aufgemacht zu haben, um Belange finanzieller Art dem deutschen Königsunternehmen Wirecard vorzuschlagen, welches im September desselben Jahres 2018 die Commerzbank an der deutschen Königsbörse DAX ersetzte. Für Unternehmen, die an Deutschlands größter Börse gelistet werden, besteht die hohe Verantwortung zur korrekten Veröffentlichung von Finanzdaten, die alle drei Monate sowie jeweils am Jahresende in ausführlichster Weise der Öffentlichkeit und hier besonders den Anlegern des Unternehmens dargebracht werden müssen. Während man in den meisten Unternehmen von der akribischen Bilanzierungs-Tätigkeit eher wenig hört und auf zuverlässige Finanzdaten setzt, liefen die Dinge bei Wirecard gänzlich anders, dies eigentlich schon lange vor 2018.

2005

Anfangen müsste man so ungefähr im Jahr 2005, als Wirecard durch einen genialen Schachzug die Berliner Firma InfoGenie AG vollends aufsaugte und sich nun endgültig als Aktiengesellschaft am deutschen TecDax wiederfand. Die professionelle Hilfe bei den Finanzberichten suchte man zunächst auch weiterhin bei der Münchner Firma Control5H GmbH, dessen Wirtschaftsprüfer mit Namen Roland Weigl und Ulrich Burkhardt die Bilanzen bereits von Beginn an für Wirecard unterschrieben.

Im Jahr 2005 erfindet man zudem bei Wirecard offenbar als einer der ersten die sogenannten virtuellen Kreditkarten, also solche, die es nur in elektronischer Form gibt und die für Zahlungen über das Internet genutzt werden können, was fortan besonders bei Wirecards Groß- und Firmenkunden auf recht hohe Resonanz trifft.

Im selben Jahr gibt man bekannt, die XCOM Bank AG mit damaligen Sitz in Berlin für ca. 18 Millionen Euro übernehmen zu wollen, eine Bank, die u.A. eine Lizenz von Visa und Mastercard erhalten hatte, Kreditkarten auszustellen.

2006

Wirecards Jahresabschlussbericht von 2006 gibt auf Seite 44 an, dass man lediglich etwas mehr als 5 Millionen Euro als Kosten für die Akquisition der XCOM Bank AG im betreffenden Geschäftsjahr ausgegeben habe, weitere 18 Millionen Euro dann für ein (oder deren) etwas obskures “Kundenportfolio bestehend aus einer Kundenbasis europäischer Internet Service Providern der verschiedensten Arten, 11 Millionen Euro in Bargeld plus 1,3 Millionen Wirecard-Aktien" dabei und dann irgendwie auch “eine variable Komponente bis zu 17 Millionen Euro als Besserungsschein".

Aktieninhaber schienen sich nicht sonderlich beschwert zu haben, bis auf vielleicht die Fidelity International Limited auf den Bermuda Inseln, dessen Stimmrecht-Anteile bei Wirecard auf 2,88 pro Eurocent fielen laut 2006 Bericht. Control5Hs Prüfer Weigl und Burkhardt zeichneten wie sonst auch für das Geschäftsjahr 2006 ganz problemlos ab. Alles in Ordnung offenbar.

2007

Im folgenden Jahresabschlussbericht für 2007 wird deutlich, dass Wirecard in dieser Zeit seinen ersten und sehr wichtigen Wachstumsschub bekam. Der Aktienwert verdoppelte sich fast, so sehr, dass der damalige Aufsichtsratvorsitzende Klaus Rehnig ca. 10% seiner Wirecard Aktien Mitte Dezember 2007 verkauft und damit mehrfacher Millionär wird. Ob seine Ehefrau Tanja zu dieser Zeit auch einen Teil ihrer Wirecard Aktien verkauft, ist nicht bekannt, sie hielt damals mit 2,83% noch etwas mehr Wirecard-Anteile als ihr vorstandsvorsitzender Ehemann (Jahresabschlussbericht für 2007, Seite 99).

2008

Nur wenige Monate danach gab es die ersten ernsthaften Beschwerden über die Absegungen der Münchner Prüfer von Control5H GmbH, die sich in dieser Zeit in RP Richter GmbH umbenannten. Im Wirecard-Jahresabschlussbericht für das Geschäftjahr 2008 gibt man auf Seite 187 folgendes an:

Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger e.V. (SdK) hat gegen die Beschlüsse der Hauptversammlung über die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat Klage erhoben sowie einen Antrag auf gerichtliche Anordnung der Nichtigerklärung des Jahresabschlusses der Gesellschaft für das Geschäftsjahr 2007 gestellt...Diese Klage ist noch in der ersten [Gerichts-] Instanz anhängig, ein rechtskräftiges Urteil wurde noch nicht gefällt.

(Wirecard Jahresabschlussbericht für 2008, Seite 81 & 187)

Weitere Details im Jahresabschluss für 2008 auf Seite 20 zeigen, dass sich am Ende von Wirecards Hauptversammlung vom 24. Juni 2008 die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) öffentlich beschwerte, was wohl mit den millionenfach aufgerufenen Darlegungen des Bloggers 'memyselfandi007' auf dem WallStreet-Online Internet-Forum zusammenhing. Diese Beschwerden drängten Wirecards Aufsichtsrat dazu, eine Sonderprüfung für 2007 durch die Berater von Ernst & Young (EY) zu veranlassen, welche fortan den Prüfern von RP Richter GmbH an die Seite gestellt wurden. Insbesondere mussten die Umstände der Übernahme der TrustPay International AG durch Wirecard im Jahr 2007 neu betrachtet werden, wie der Aufsichtsrat selbst im Jahresabschlussbericht für 2008 auf Seite 14 angibt.

Im August 2008 besprach man diese Sachverhalte auf einem weiteren Aufsichtsrat-Treffen. Im Oktober 2008 forderte man die Prüfer von EY auf, eine Erklärung für die Beschwerden darzulegen. Diese hatten aber erstaunlicher Weise keinerlei Einfluss auf die zuvor angefertigten Finanzdaten von 2007, wie der Aufsichtsrat selbst bekannt gab:

Vor seiner Sitzung im Oktober 2008 haben der Vorsitzende des Aufsichtsrats und des Vorstands die Abschlussprüfer von Ernst & Young aufgefordert, die Ergebnisse ihrer Prüfung zu darzulegen. Dabei wurden einzelne Punkte erörtert, die jedoch keine wesentlichen Auswirkungen auf die Aussagekraft und Richtigkeit des Konzernabschlusses und des Konzernlageberichts für 2007 hatten. Insgesamt gab es keine Anhaltspunkte für irreführende Aussagen im Konzernabschluss und Konzernlagebericht für 2007.

(Wirecard Jahresabschlussbericht für 2008, Seite 14)

Nebenwirkungen gab es aber doch: Klaus Rehnig, bis dato Aufsichtsratsvorsitzender und spätestens seit Ende 2007 Millionär, tritt noch auf der beschwerdehaften Hauptversammung vom 24. Juni 2008 zurück. Nachfolger wird Wulff Matthias. Den vielen global agierenden Funds und Firmen, die bei Wirecard investierten und die noch im Jahresabschluss von 2008 auf Seite 73 speziell genannt werden, schien das alles nicht sonderlich zu tangieren.

Nachdem man nun im Besitz einer eigenen Wire Card Bank war, lief auch das Geschäft auf Hochtouren, besonders das mit Online-Glücksspielen. So sehr, dass das Kreditkartenunternehmen Mastercard im Jahre 2008 Wirecard eine Strafzahlung in Höhe von 11 Millionen britischen Pfund auferlegte, da man bei Wirecard offenbar viele Geldtransaktionen mit falschen Transaktionscodes betitelte.

2009

Visa beschwerte sich ebenso nur ein Jahr danach Ende 2009 bei Wirecard über deren zwielichtige Händler. Nachdem diese für Wirecard hochprofitablen Händler lediglich ihre Geschäftsnamen änderten, aber nicht sonderlich deren über Wirecard abgewickelte Transaktionsvolumen, brummte man von US-amerikanischer Seite über einen entfernten Rechtsstreit der Wirecard AG eine Strafzahlung in Höhe von 12 Millionen US Dollar auf.

Es ist anzunehmen, dass man bei den beiden angloamerikanischen Platzhirschen Visa und Mastercard mittlerweile auf den Shooting-Star aus Deutschland aufmerksam geworden war und mit diesen Strafzahlungen die Verhältnisse im globalen Zahlungsmarkt schon frühzeitig zurechtrücken wollte. Wirecard erwähnt diese Strafzahlungen nicht speziell sichtbar in deren Abschlussberichten.



In dieser Zeit scheint sich auch eine exorbitante Ablehnung gegenüber allen angloamerikanischen Dingen in Wirecards Führungsetagen etabliert zu haben. Diese Ablehnung mag mit einer der Gründe gewesen sein, warum man nicht nur die Finanzaufsicht von ganz Deutschland vereinnahmte, sondern offenbar ebenso die Strafverfolger in München, die fortan und besonders etwa ein Jahrzehnt später lieber gegen investigative Journalisten und Betrugsaufdecker vorgingen, als bei Wirecard zu ermitteln.

Erwähnenswert ist, dass Mitgründer und Ex-Porno-Betreiber Paul Bauer-Schlichtegroll mit Wirkung zum 31. Oktober 2009 den Aufsichtsrat verlässt. Sein Nachfolger wird ab dem 10. Dezember 2009 Stefan Klestil, Sohn des ehemaligen, im Jahr 2004 verstorbenen österreichischen Präsidenten Thomas Klestil (Jahresabschlussbericht für 2009, Seite 66). In 2009 wird Sohn Stefan nicht nur Wirecard-Aufsichtsrat, sondern dessen verwitwete Stiefmutter Margot Klestil-Löffler gleichsam als Botschafterin nach Moskau berufen, wo sie österreichische Interessen bis 2014 vertritt, dem Jahr der olympischen Winterspiele in Sotchi. Für diese wurden gigantische Bauprojekte auch mit Hilfe des österreichischen Bauriesen Hochtief verwirklicht, wo wiederum der russische Unternehmer und Oligarch Oleg Deripaska als Mitanteilseigner zu dieser Zeit einstieg.

2010

Jan Marsalek wird ab dem 1. Februar 2010 in Wirecards Top Mangement berufen und wird COO als Nachfolger von Rüdiger Trautmann. Auf dem Aufsichtsratstreffen im April 2010 werden dann die "Anschuldigungen auf der GoMoPa Webseite" bezüglich der Geldwäsche-Angelegenheit um Michael Schütt in Florida und Wirecard UK "behandelt mit den entsprechenden Gegenmaßnahmen" (Jahresabschlussbericht von 2010, Seite 17). Im Detail bedeutete dies, dass GoMoPa zunächst die Aussagen eines Hinweisgebers auf deren Webseite korrigierte, um diese dann später komplett zurück zu nehmen; weiter dass die Staatsanwaltschaft in München gegen GoMoPa ermittelte, nicht etwa gegen offensichtliche Geldwäscheaktivitäten bei Wirecard UK.

Die Prüfer von EY und RP Richter GmbH zeichnen gemeinsam den Jahresabschlussbericht für 2010 ab. Interessant dabei ist, dass man das leidige Problem des Jahresabschlusses von 2007 und die Angelegenheit um die Übernahme der Trustpay AG auch weiterhin aufführen musste, dies übrigens auch in 2009:

Wie im Konzernlagebericht ausgeführt, wurden eine Nichtigerklärungsklage des Jahresabschlusses für das Geschäftsjahr 2007 der Muttergesellschaft Wirecard AG sowie eine Klage gegen zwei im Jahr 2008 gefasste Hauptversammlungsbeschlüsse zur Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat der Wirecard AG eingereicht. Zu diesem Zweck hat das Landgericht München I einen Gutachter in 2009 beauftragt. Das Verfahren ist noch anhängig.

(Wirecard Jahresabschlussbericht für 2009, Seite 209; Jahresabschlussbericht für 2010, Seite 225)

2011

Ganz anders verlaufen dann die Dinge ab 2011. Der Jahresabschlussbericht erwähnt hier, dass man zwar 433.000 Euro an EY für deren Prüfung des Geschäftsjahres gezahlt habe (Jahresabschlussbericht für 2011, Seite 232), aber auf einmal erscheinen keinerlei Prüfer von RP Richter GmbH mehr im Abschlussbericht, auch in den folgenden Jahren nicht. Während zuvor die Wirtschaftsprüfer selbst Wirecards Bilanzen mit persönlicher Unterschrift abzeichneten, werden die Finanzdaten ab 2011 folgend nun von Dr. Markus Braun, Burkhard Ley und Jan Marsalek abgesegnet und persönlich unterzeichnet.

Man gibt zudem im Jahresabschlussbericht für 2011 an, dass bezüglich der sich zumeist wegen der Trustpay AG Übernahme beschwerenden Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) "die rechtlichen Verfahren nun beendet und keinerlei Änderungen der Berichte von 2007 erforderlich" seien:

Die Klage der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger e.V. (SdK) unter anderem betreffend dem Jahresabschluss (Einzelabschluss) der Gesellschaft für das Geschäftsjahr 2007 ist rechtskräftig beendet. Die Entscheidung führte weder zu Änderungen des Abschlusses (Konzern- oder Einzelabschlüsse) noch wirkt sie sich auf die Finanz- und Ertragslage des Unternehmens aus.

(Wirecard Jahresabschlussbericht für 2011, Seite 155)

Die Berichte für 2007 wurden niemals korrigiert. Im Gegenteil, die Staatsanwaltschaft München erhebte Anklage gegen SdK Mitarbeiter und Leerverkäufer für deren berechtigte Beschwerden gegen die Wirecard-Bilanzen auch von 2007, verurteilte diese, und wies einige sogar 18 Monate lang in die Haftanstalt München Stadelheim ein.

2012 - 2015

Für die Arbeiten an den Finanzprüfungen des Geschäftsjahres 2012 erhielt EY runde 150.000 Euro mehr, als für die Prüfung im Jahr zuvor (Jahresabschlussbericht für 2012, Seite 213). Offensichtlich war der Gehaltssprung die Sache wert gewesen. Wirecard wächst in den folgenden Jahren besonders durch das Asiengeschäft rasant.

Im Jahresabschluss für 2013 werden nur zwei Gerichtsverfahren gegen Wirecard erwähnt (Jahresabschlussbericht für 2013, Seite 124). Im Jahresabschlussbericht von 2014 legt man auf Seite 134 dar, dass alle anhängigen Verfahren entweder vom Landgericht München I oder vom Oberlandesgericht München bearbeitet werden. Die Klagen gegen Wirecard ziehen sich zumeist jahrelang dahin, bis die Verfahren oftmals nach Beschwerde, Berufung oder Revision der Gegenseite entweder mit einer Einigung oder zum Vorteil von Wirecard in diesen Jahren enden.

Im Abschlussbericht für das Jahr 2015 gibt man an, dass mindestens sechs Gerichtsverfahren mittlerweile gegen Wirecard anhängig waren oder sind, plus eine nicht näher bezeichnete Anzahl von kleineren Verfahren. Ein jegliches dieser Verfahren zu verlieren, wäre laut Wirecard "extrem unwahrscheinlich" (Jahresabschlussbericht für 2015, Seite 146).

2016

Die Wirtschaftsprüfer von EY werden im Jahr 2016 besonders kreativ. Wirecards Geschäfte in Asien verliefen mit und über Partner, die Sicherheiten für ihre dortigen Geschäftsaktivitäten brauchten. Offenbar waren es die Wirtschaftsprüfer von EY selbst, die Wirecards Top Mangement im Jahre 2016 den Vorschlag machten, für diese Sicherheiten Treuhandkonten zu nutzen, auf denen die angeblichen Gewinne der Drittpartner gelagert werden sollten.

Mitte Juni 2016 entscheidet sich Wirecard dazu, den Aufsichtsrat zu erweitern und ernennt Tina Kleingarn und Vuyiswa M'Cwabeni als neue Mitglieder (Jahresabschlussbericht für 2016, Seite 15). Es wird erwähnt, dass im Vorjahr 2015 mindestens drei Verfahren gegen Wirecard eröffnet wurden und in 2016 mindestens zwei. Diese werden ohne Ausnahme jeweils weiterhin beschrieben als, Zitat: "unwahrscheinlich, dass Wirecard das Verfahren verlieren wird" (Jahresabschlussbericht für 2016, Seite 151 & 152).

Gut möglich, dass es sich bei diesen Verfahren um Beschwerden über Wirecards Geschäfte in Asien handelte. Die Wirtschaftsprüfer von EY nahmen für die Prüfung des Jahres 2016 ohne sonderlich nachzudenken die eher obskuren Fälschungen von Wirecards noch obskureren Treuhändler mit Namen Citadelle Corporate Services an, nach denen 86 Millionen Euro auf Treuhandkonten bei einer Bank in Singapur liegen sollten. Die Belege wurden als PDF Dokumente mit gefälschtem Stempel und Unterschrift eingereicht. EY zeichnete ab.

2017

Im Juni 2017 diskutiert Wirecards Aufsichtsrat "intensiv geeignete Nachfolgekandidaten" für Wirecards Finanzchef (CFO) Burkhard Ley, der seinen Rücktritt offenbar eher überraschend ankündigte (Jahresabschlussbericht für 2017, Seite 13). Für das Jahr 2017 nennt Wirecard fünf Gerichtsverfahren gegen sich und gibt an, dass "die Risiken einer immateriellen Auswirkung auf das Vermögen, die finanzielle Position und auf operative Resultate aus den Verfahren nicht gänzlich ausgeschlossen werden können" (Jahresabschlussbericht für 2017, Seite 167 & 168).

2018 - 2019

In 2018 wird Matthew Earls berühmter Zatarra-Bericht durch Börsenbrief-Herausgeber und Leerverkäufer Fraser Perring veröffentlicht, der den Finanzskandal um einige Wirecard-Übernahmekandidaten in Asien beleuchtete. Gegen diesen Bericht stellt Wirecard Strafanzeige, ein Verfahren gegen die britischen Short-Seller wird durch die Staatsanwaltschaft München eröffnet. Wirecards ehemaliger Asien-Geschäftsführer Pav Gill wendet sich derweil als Hinweisgeber an den Financial Times Journalisten Dan McCrum, der ab Anfang 2019 eine Reihe von Berichten veröffentlicht, die sich zunächst auf Wirecards dubiose Asiengeschäfte beziehen.

Am 8. Februar 2019 durchsucht die Polizei in Singapur die Büroräume von Wirecard Asia-Pacific. Zehn Tage danach erklärt die deutsche BaFin ein Verkaufsverbot von Wirecard-Aktien für 8 Wochen, um zu retten, was offenbar gar nicht mehr zu retten war. KPMG wird Ende 2019 mit einer Sonderprüfung für das Geschäftsjahr 2019 beauftragt, nachdem die Financial Times und andere Journalisten weiter berichten.

Für das Jahr 2019 akzeptierten die Prüfer von EY ohne sich groß zu beschweren Wirecards Saldenbestätigungen für runde 1,1 Milliarden Euro auf Treuhandkonten in Asien. Auf diesen Dokumenten fehlten sowohl Kontonummern, als auch Angaben zur Bank. Das die ausländischen Bestätigungen über diese große Summen zudem noch mit einer deutschen Datums-Schreibweise versehen wurden, war EYs Prüfern offenbar ebenso egal.

2020 - 2021

EY wird erst im Jahr 2020 ablehnen, die Prüfungen für das Jahr 2019 zu unterschreiben. Am 18. Juni 2020 gibt man dann auf Wirecard-Seite bekannt, dass 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten in den Phillippinen schlichtweg fehlen.

Nach Wirecards Insolvenzantrag sammelte u.A. ein Rechtsanwalt aus Stuttgart die Klagen von vielen geprellten Wirecard-Aktionären und fokussierte seine Anstrengungen auf die Wirtschaftsprüfer von EY. Als der Anwalt im Frühjahr 2021 an einem Wochenende auf Fahrradtour geht, hat er plötzlich eine Herzattacke und verstirbt wenig später im Krankenhaus.

In 2021 wird ein EY-Partner mit der Bezeichnung "Forensiker" zum Wirecard Untersuchungsausschuss nach Berlin geladen, ein Unternehmensberater und Psychologe. Er gab dort u.A. an, dass "Jan Marsalek ein super eloquenter Hansdampf in allen Gassen war", der "teilweise brilliant" agierte.

Eine Veröffentlichung des Abschlussberichts des Wirecard-Untersuchungsausschusses in Berlin versuchte EY durch eine Klage zu verhindern, ein EY Prüfer wollte die Referenzen auf seinen Namen ausradiert haben und somit auch den gesamten, über 2000-seitigen Bericht des Bundestags-Untersuchungsausschusses vor einer Veröffentlichung zurückhalten. EYs Klagen wurden zuerst von Berlinern Gerichten und dann im Juli 2021 auch vom Bundesgerichtshof abgelehnt.

Der Bericht eines Sonderermittlers jedoch, eingesetzt durch den Wirecard-Untersuchungsausschuss einzig um die Rolle von EY im Wirecard-Skandal zu beleuchten, wird bis dato durch EYs Wirken erfolgreich der Öffentlichkeit vorenthalten. Der Fall wurde Mitte 2021 beim Bundesgerichtshof für EY entschieden, nicht etwa, weil EYs Anliegen relevant waren, sondern weil der Untersuchungsausschuss dort sein Anliegen nach dessen offiziellem und rechtlichem Ende einreichen musste.

Die Gerichte in Stuttgart, dem Sitz von EY in Deutschland, lehnen es derweil ab, sich mit den Klagen der vielen geprellten Anleger dort zu befassen und verweisen sämtliche Entschädigungsverfahren an die Gerichte in München, wo man auch nicht gerade sonderlichen Elan zeigt.


Wird man dort vielleicht wenigstens den bescheidenen Wunsch nach einem Reiskorn erfüllen, dass auf jedem Spielfeld des Schachbretts verdoppelt wird ?









 
von Martin D., akkreditierter und unabhängiger, investigativer Journalist aus Europa, der derzeit an einem Buch über die Wandlung der Massenmedien in agendahafte politische Akteure schreibt.
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